Bernhard Springer
Filmphilologe - Filmjournalist - Buchautor

 

 

 



NO MOVIE, 2017, 70 x 100 cm, Spray + Acryl + Ölkreide a. Karton

 

 

NO MOVIES

 

Im deutschen Sprachgebrauch ist der Anglizismus (eigentlich korrekterweise Amerikanismus) „Movie“ weit verbreitet. Dabei bezeichnet er nicht nur bestimmte Genres wie z.B. das des TV-Movies, - in den Anfängen des deutschen Fernsehens als „Fernsehspiel“ benannt -, sondern wird inzwischen für die gesamte Begriffspalette der Kunstform Film und der Filmwirtschaft verwendet.

Das Wörterbuch Duden online gibt als Herkunft für das englisch-amerikanische Substantiv „Movie“ an, dass es eine Abkürzung aus „moving pictures = bewegte Bilder“ sei. Das aber kann allein schon deshalb so nicht stimmen, weil in den Anfängen der Filmgeschichte, aus der dieser Begriff stammt, niemand von moving pictures sprach, sondern der Begriff motion pictures üblich war.

Außerdem war mir während meines Studiums der Filmphilologie Ende der 1970er Jahre eine ganz andere Geschichte über die Herkunft von „movies“ begegnet, die ich immer gerne zum Besten gab und die ich jetzt auch anlässlich meiner Ausstellung „Movies“ während der Hofer Filmtage 2017 im Galeriehaus Am Sophienberg erzählen wollte.
Leider konnte ich mich nicht mehr erinnern, wo ich diese Geschichte aufgelesen hatte, und begab mich deshalb auf die Suche nach belastbaren Quellen. Zuerst befragte ich alle befreundeten Münchner Koryphäen der Presse und Wissenschaft. Doch niemand hatte von der Geschichte gehört, die ich erzählte. Selbst im Münchner Filmmuseum wurde ich nicht fündig. Auch dort kannte niemand meine Geschichte und auch in der gesamten Bibliothek, die ich durchforstete, gab es keinen einzigen Hinweis darauf.

Im Geiste aber sah ich die ganze Zeit ein Bild vor mir, dass das Fenster eines Restaurants in Hollywood zeigte, in dem ein Schild mit der Aufschrift „no movies“ hing. Im Vorinternetzeitalter musste ich also entweder eine Dokumentation gesehen haben oder die Bebilderung eines Artikels über die Anfänge der Filmindustrie im sonnigen Kalifornien oder in Hollywood. Inzwischen aber glaubte ich nach den erfolglosen Recherchen bereits an eine Halluzination meinerseits zu leiden. Die Geschichte, die ich erzählen wollte, geht so:

Anfang der 1910er Jahre zogen immer mehr unabhängige Filmproduktionen von New York an die Westküste nach Kalifornien, hauptsächlich weil sie den Schlägertrupps Edisons entkommen wollten, die auf die Einhaltung der Patentrechte pochten. Dann aber kam ihnen auch das beständige sonnige Klima für ihre Filmaufnahmen mit natürlichem Licht entgegen. Unter den verschiedenen Orten, an denen sie drehten, war auch der kleine Ort Hollywood, der damals ein paar tausend Einwohner zählte und neben einem Sheriffbüro und einer Poststelle nur ein Hotel aufwies. In dieser Zeit drehten die Filmteams nicht nur in kleinen Studios mit offenem Dach, sondern inszenierten ihre Actionszenen im Ort. Die Bewohner waren zu anfangs nicht sehr begeistert über die Verfolgungsjagden auf ihrer Mainstreet und den ausgelassenen Gelagen nach Drehschluss. Auch wenn diese Phase nicht lang anhielt, so zeigten sie offen ihren Unmut. In den Kneipen hingen als Hinweis auf unerwünschte Kunden Schilder mit der Inschrift: „No movies“, ein damals nicht nur in den Südstaaten weit verbreiteter Usus zur Abschreckung. „Movies“ war dabei die sprachliche Verkürzung des in der damaligen Zeit üblichen Begriffs „motion pictures people“. Das ist der wahre Ursprung des Begriffs „movie“.

Weil ich diese Geschichte als Anlass meiner Ausstellung von Acrylbildern auf Wellpappe erzählen wollte und nicht als Filmphilologe einen Quellennachweis erbringen musste, beschloss ich, mir einfach das Bild „no movies“ als Nachweis zu malen, das ich in meiner Erinnerung glaubte so gespeichert zu haben.

Am Ende habe ich doch noch einen Beleg für die obige Geschichte gefunden. In der Dokumentationsreihe HOLLYWOOD von Kevin Brownlow und David Gill aus dem Jahre 1980 (zu sehen auf youtube) berichtet in der zweiten Folge IN THE BEGINNING der Regisseur und Zeitzeuge Henry King (1886-1982) in einem Interview (ca. bei TC 20 Min.) genau von diesen Begebenheiten und den „motion pictures people“, die nicht gern gesehen waren und die von den Einwohnern in Kalifornien die „Movies“ genannt wurden. Als visueller Beleg wird ein Ausriss aus einer Tageszeitung eingespielt, in dem Mietobjekte angeboten werden mit der Einschränkung: „No children. No movies and no animals“.

So hatte ich am Ende doch noch den Beweis für die wahre Herkunft von „movies“ gefunden und zudem das Gemälde „no movies“ als Bebilderung, das jetzt gleich am Eingang zur Ausstellung im Galeriehaus in Hof hängt.

Bernhard Springer, 2017

 

Screenshot aus HOLLYWOOD (1980) von Kevin Brownlow und David Gill, Episode 2: IN THE BEGINNING, TC 20:00, bei youtube: Direktlink

 

 

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